Das Projekt umfasste eine dreitägige Gedenkreise nach Krakau und Auschwitz-Birkenau.Teilnehmende waren Schüler:innen der vierten Jahrgänge sowie die Fachlehrkräfte für Geschichte, Deutsch und Ethik. Programmpunkte am ersten Tag nach der Ankunft in Krakau waren das jüdische Viertel Kazimierz, die Remuh Synagoge und der angrenzende jüdische Friedhof.
Diese Programmpunkte dienten als Ausgangsbasis für die nächsten Tage und zur Einführung in die Grundlagen des jüdischen Lebens in Krakau vor der Besetzung durch die Nationalsozialisten. Für Interessent:innen gab es das Angebot, gemeinsam am Abend in einem jüdischen Restaurant zu essen. Am zweiten Tag erfolgte ein ausführlicher Rundgang durch das ehemalige jüdische Ghetto und dort gelegene Erinnerungsorte. Dabei wurde unter anderem die Adler-Apotheke, ein zentraler Ort des jüdischen Widerstands im NS-besetzten Polen besucht, und das Mahnmal auf dem Platz der Ghettohelden von Piotr Lewicki und Kazimierz Łatak gemeinsam betrachtet und analysiert. Zahlreiche weitere Erinnerungsorte im damaligen Ghetto führten die Gruppe unter anderem zu den Ghettomauern und zur Schindler-Fabrik. Dabei wurde die Geschichte des Ghettos anhand von Orten und Biografien lebendig. Im Anschluss besuchte die Gruppe die Gedenkstätte und das Museum Pomorska Straße 2, wo sich das ehemalige Hauptquartier der Gestapo befindet.
Der Besuch des Stammlagers Auschwitz I sowie von Birkenau im Rahmen einer vierstündigen Führung diente der direkten historischen Auseinandersetzung. Die Schüler:innen waren im Unterricht gut auf die Reise vorbereitet worden und hatten sich bereits mit Erinnerung und Gedenken beschäftigt. Die Tatsache, dass wir in einem Hostel übernachteten, in dessen Keller noch die Zellen des Gestapo-Gefängnisses zu sehen sind, sowie die Führungen durch polnische Expert:innen verdeutlichten verschiedene Herangehensweise an Erinnerung aus unterschiedlichen europäischen Perspektiven. Die Reise war geprägt von Auseinandersetzung mit den Orten und den Menschen vor Ort, aber auch von intensiven Gesprächen zwischen Lehrpersonen und Schüler:innen, in denen zu einem großen Teil Fragen der Erinnerungspolitik thematisiert wurde. An jedem Tag gab es ausreichend Freizeit, um die vermittelten Informationen und Erfahrungen zu verarbeiten. Direkt in der Gedenkstätte Auschwitz kam es zu einem Begegnungsmoment mit israelischen Soldat*innen, die den Ort im Rahmen des Programms „Witnesses in Uniform“ besuchten. Dadurch entstand ein klarer Bezug zu Konflikten der Gegenwart, der auch noch in der Woche nach der Reise zu Gesprächen anregte. Anhand ausgewählter Berichte und Gedanken von Schüler*innen im Anhang wird deutlich, dass die Reise einen immensen Lerneffekt hatte. Für den Herbst ist eine Ausstellung im Schulhaus mit den künstlerischen Ergebnissen der Reise geplant.
Eindrücke der Gedenkreise
Weitere Fotos folgen …
Reflexionen von Schüler:innen
Ein Text von Vera Ulrich, 4. Jahrgang Mode
Wenn Wände beginnen zu gedenken
Blaue Warme Wolken und ein weiter weißer Himmel erstrecken sich vor dem Fenster. Ein einsames gelbes Haus fliegt vorbei. Das Schwanken des Busses wiegt in einen Zustand von Geborgenheit. Schwimmend in dem Unwissen was zu erwarten ist nähern wir uns Krakau. Träge tropft die Sonne hinab und badet glänzende Gesichter in strahlendes Gelb. Mit dem Bus gelangt man in das Zentrum. Was für ein Privileg es ist mit dem Bus fahren zu dürfen. Die Ankunft ergibt sich zwischen kühlenden Marmorwänden in dem ehemaligen Quartier der Gestapo. Ein feines Gebäude mit breiten Stiegen und langem Geländer in einem kräftigen kastanienbraun. Breite Gänge und schmale Zimmer türmen sich in vier Stockwerken empor. Wo nun ein Bett ruht, stand vielleicht einst mal ein Tisch oder sogar ein Stuhl in Verwendung für grausames drücken, ziehen und kneten an der schwer entnehmbaren Wahrheit. Folter und Verhör stehen in der Luft.
Das Absteigen in den Keller löst Unruhe aus. Die so mit Erleichterung durch das Ankommen empfangenen Marmorwände am Vortag scheinen sich zu neigen. Sie fallen, bröckeln, drehen sich und lecken sich über ihre vergilbten Zähne. Gravuren fressen sich in den Putz, mit jedem Schritt tiefer werdend, verliert man den Überblick. Gebete diverser Herkunft, Hilferufe in geschwungenen Schriftzügen und Löcher entstanden durch sinnlos gefeuerte Kugeln prägen die kleinen Zellen, gebaut von den Nazis und verwendet, um jedes letzte Wort zu drehen, jeden Nerv zu erschüttern und jeden der dort eintritt nicht ohne lebenslange Last gehen zu lassen.
Krakaus gepflasterte Steinstraßen trällern ihre Wege bis in die Altstadt und treffen sich auf dem weiten Marktplatz. Dort ragt die in schmutzigem rosa, die mit weißen Schnörkeln ausgeschmückte und mit zwei gespitzten Türmchen ausgestattete Marianenbasilika in die Höhe. Die Uhr zählt zwölf Uhr Mittag doch statt des üblichen Glockenkonzerts, wie bekannt in zahlreichen anderen Städten öffnet Krakau ein Fenster und beglückt Passanten zu jeder vollen Stunde mit einem Trompetenstoß in jede Himmelsrichtung in der Krone des linken Turmdaches. Gebäude scheinen nicht zu prahlen mit Gold, sondern lenken den Blick des Betrachters mit detailreichen Ornamenten die Wände, Dächer und Fenster entlang. Was für ein Privileg diese Schönheit Krakaus genießen zu können.
Die Decke der Synagoge ist bunt bemalt und bildet, sich ringende Tiere, ab. Männer mit Kippa und eingehüllte Frauen sind gefordert für den Eintritt. Stolz und Liebe zu dem Glauben strömen hoffnungsvoll durch diesen heiligen Raum. Der Friedhof nebenan schweigt und trägt fein platzierte Steinchen auf den Gräbern. Die Steine sind alles andere als Erschwernis, denn das Bringen von Steinen bedeutet im Judentum, dass man die Toten in dem Willen der Natur ruhen lässt, ohne deren unendliche Ruhe zu unterbrechen.
Stühle im Ghetto sind ein Denkmal, eine Erinnerung an die Opfer, die der Holocaust mit sich nahm. Kaum Schatten ist zu sehen. Brennend heiße Metallskulpturen sitzen hier und sitzen aus Solidarität, sie sitzen in Stille und wirken fast schon einladend und zugleich beunruhigend. Hilfe hat man bekommen von der Apotheke gegenüber, handelnd als Versteck, Ort der Zuflucht und Schutz für die Juden. Glasfläschchen mit fluoreszenter Medizin nehmen Platz auf den Regalen, Hintertüren schwingen auf und zu und verkörpern die Gutherzigkeit und Sanität, die durch diese kleine Apotheke inmitten des Chaos entstanden ist. Die dort geborenen Kinder, sahen nie die grünen weiten Wiesen, die prächtigen Wälder am Stadtrand und die Wärme die Hand in Hand mit der flaumigen Freiheit durch die große breite Welt schreitet. Geboren, gelebt und gestorben im Ghetto. Was für ein Privileg es ist endlos weit gehen zu können und entscheiden zu dürfen wohin.
Der Himmel stürzt sich auf den Donnerstag hinab, Mengen von Menschen vor dem Eingang wartend und beobachtend. Hohe Steinwände rufen Namen. Namen der Vergangenen hallen durch Auschwitz.
Die Bäume sind hier ruhiger, Kieselsteine knirschen und Staub erfüllt den Weg. Die rotbraunen Baracken sehen unberührt aus fast schon Abstand haltend von den vergangenen Geschehen. Die verdorbenen Erinnerungen kriechen zwischen den Füßen der Besichtenden, schmiegen sich an deren Waden und spielen mit der grausamen Herausforderung, welche die Heftlinge hier erleben mussten. Die einzelnen Stufen der Treppen schmelzen in sich hinein und formen eine Delle unter dem Jahre langem ausgeübtem Druck der auf und ab steigenden Leute. Haare, Taschen, Brillen, Koffer und Schuhe sind nicht mehr Teil eines Individuums, sondern lösen die donnernde Realisation aus welch ein Ausmaß diese Hölle hatte und wen sie aller mit sich riss. Die Luft wird dicker und die Unterführungen enger. Gefängniszellen schreien und trübe Bilder flackern einem vor dem inneren Auge. Der Schmerz hat sich durch den Boden gebohrt und rüttelt mit aller Kraft an der Vergangenheit, sodass sogar der Wind den Blick senkt und tiefgründig schlucken muss um den Menschenhass, welcher zwischen diesen Ziegelhäusern am Rande von Polen stattgefunden hat zu verarbeiten.
Zugschienen rammen sich den Weg durch die einst mal frische Erde und scheinen kein Ende zu finden. Birkenau sitzt in der Unendlichkeit, trotz fehlenden Bauten greift die Atmosphäre über den Köpfen hinweg, suchend und spreizend die Finger nach ein wenig Verstand. Platzmangel, Angst und Schweiß in einem Gewirr von Ratten, Mäusen und Exkrementen. Entmenschlichte Personen behandelt wie Tiere, getrieben, gestoßen und gnadenlos vernichtet. Was für ein Privileg es ist zu Hause einkehren zu dürfen, in einem Bett seine Ruhe zu finden, seine Familie zu erleben und einen sorgenfreien Alltag zu leben.
Diese Krakau Reise war sehr informativ und hat gewisse Themenbereiche beleuchtet, welche mich definitiv zum Überlegen gebracht haben. Ich bin dankbar, dass so viel Mühe in die Museen und das Weitergeben der Geschichte gelegt wurde. Es ist wichtig zu verstehen, dass so etwas unmenschliches nie wieder passieren darf und dass mit allen Mitteln dagegen angestrebt werden soll. Vielen Dank an die Tourguides, die Herbststrasse und vor allem die Frau Pfeifer- Hutter und Frau Gasz, welche uns diesen Ausflug ermöglicht haben.
Vera Ulrich
26.06.26
Ein Text von Marie Toce, 4. Jahrgang Kunst
Gedenkreise
Erzählungen meiner Großeltern, der Unterricht in der Schule und die Berichte von Zeitzeug*innen über den Nationalsozialismus und die Shoah haben mich schon früh beschäftigt. Ich habe Dokumentationen gesehen, Bücher gelesen und mich immer wieder mit diesem Teil der Geschichte auseinandergesetzt. Und selbst wenn es nicht aus eigenem Interesse geschah, wurde ich durch Stolpersteine, Denkmäler oder durch einfache Fragen an meinen Opa damit konfrontiert: „Wie war deine Kindheit eigentlich?“ Trotzdem kann einen nichts wirklich auf einen Besuch in Auschwitz vorbereiten. Plötzlich steht man selbst auf den Kieselsteinen. Man geht durch die Baracken, sieht die engen Betten aus holz, die Haare, die Kleidung, die Brillen und die Koffer. Alles, worüber man jahrelang gelesen oder dass man in Dokumentationen gesehen hat, liegt plötzlich direkt vor einem. Man atmet ein und aus und mit dem nächsten Atemzug wird einem bewusst, dass das hier kein Kapitel aus einem Geschichtsbuch ist. Das alles ist wirklich passiert. Ich glaube uns allen war bewusst, was in Auschwitz geschehen ist. Aber erst dort konnten wir wirklich spüren, dass hinter jeder Zahl ein Mensch stand. Ein Kind, eine Mutter, ein Vater, ein Bruder, eine Schwester. Menschen, die ein ganz normales Leben führen wollten und denen dieses Leben genommen wurde. Genau das macht diesen Ort so schwer zu begreifen. Was mich besonders beschäftigt hat, war der Gedanke, dass Hass und Ausgrenzung keine Dinge sind, die nur der Vergangenheit angehören. Auch heute werden Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Identität beleidigt, ausgegrenzt oder angegriffen. Natürlich ist das nicht mit Auschwitz gleichzusetzen, aber genau deshalb ist es so wichtig, früh hinzusehen und nicht zu schweigen. Solches beginnt nicht erst mit den schlimmsten Verbrechen es beginnt oft mit Vorurteilen, mit Hetze und damit, dass Menschen wegsehen. Für mich war der Besuch deshalb nicht nur eine Reise zu einem historischen Ort. Er hat das, was ich jahrelang gelernt habe, greifbar gemacht. Ich werde dieses Gefühl, dort zu stehen und zu wissen, dass sich genau an diesem Ort all das abgespielt hat, wahrscheinlich nie vergessen.

















